Projekt - Arbeitsbezogenes Lernen in der Produktion - geht das? Teil3
Geschrieben von Dieter Josten am 2. November 2009 | Abgelegt unter Allgemein
Teil 1 und 2 gab ich einen kurzen Überblick über die Herausforderungen und strukturellen Ansätze. Teil 3 geht es ans Eingemachte. Alle drei Teile als PDF.
Im Folgenden, habe ich auf Basis von Fragestellungen, das Konzept erläutert. Im zweiten Teil geht es um die funktionalen Elemente der Software Lösung. Die Bebilderung folgt noch…
Welche Nutzen haben Mitarbeiter in der Produktion?
Schneller und intuitiver Zugang zu allen im Arbeitsprozess benötigten Informationen(Arbeitsanweisungen, Montageinformationen, Bedienungsanleitung, Instandhaltungsinfo…) und Expertisen, ohne langes Suchen – one Klick. Die über den Bildschirm aufgenommene Information kann sofort ausführend im Arbeitsprozess angewendet werden. Bei Fehlern hilft das System mit seinen Informationen diese direkt zu erkennen und Schritt für Schritt zu beseitigen.
Die Bedienung ist intuitiv und ohne langatmige Texte, so werden Missverständnisse vermieden. Alle Tätigkeiten und damit verbundene Arbeitsschritte sind standardisiert, auf Basis von Netzbilder dargestellt. Dies erzeugt einen Wiedererkennungseffekt. So findet der Mitarbeiter auf den ersten Blick sofort die Stelle mit den für ihn relevanten Informationen. Die Informationstiefe bestimmt der Mitarbeiter zur jeder Zeit selbst. Ferner kann er sich im System frei bewegen, andere Arbeitsplätze einsehen und ggf. auch dort Ideen einbringen. Zur Erzeugung neuer Inhalte werden Mitarbeitern Vorlagen zur Verfügung gestellt, sodass eine strukturierte Erfassung jederzeit möglich ist.
Ein wesentlicher Nutzen ist die Wertschätzung des Mitarbeiterwissens durch die Möglichkeit das System mit eigenen Erfahrungen und Vorstellungen aufzubauen(moderiert) und stetig zu erweitern. Er steht mit seinen individuell erworbenen Handlungskompetenzen im Mittelpunkt.
Tipps und Trick können auf jeder Informationsebene verfasst und anderen Kollegen, Schichten und Werken zur Verfügung gestellt werden – nichts geht mehr verloren. Demografieprobleme gehören der Vergangenheit an und das Wissen der Mitarbeiter erfährt eine neue Form der Wertschätzung.
Wie können Mitarbeiter sich im Arbeitsprozess Qualifizieren?
Lernen erfolgt auf drei Ebenen: via Netzbilder, Kompetenzfragen und Lexikon.
Netzbilder visualisieren das Methodenwissen, Kompetenzfragen stimulieren ein ganzheitliches Lernen und das Lexikon dient als Nachschlagewerk, im Sinne Wikipedia (Ja, jeder soll sich da einbringen).
Netzbilder stellen Informationen strukturiert dar, welche leicht verstanden werden können, da sie den Merkstrukturen des menschlichen Gehirns nachempfunden sind. Es ist eine grafische Darstellung, die mit wenig Text auskommt und Beziehungen durch die passende Anordnung der einzelnen Netzbildknoten darstellt.
Reichen Netzbilder nicht mehr aus oder gilt es gelerntes zu reflektieren, kann der Mitarbeiter auf Kompetenzfragen zurückgreifen. Diese Fragen wurden von Experten formuliert und mit Referenz-Antworten versehen und ermöglichen Lernenden ein tieferes Verständnis über die Tätigkeit in verschiedenen Kompetenzbereichen zu erlangen. Kompetenzfragen schaffen so ein Bewusstsein für vorhandene und für die noch zu verbessernden Qualifikationen.
Das Finden von Antworten wird durch konkretes Ausprobieren und Handeln (Internalisierung) gefördert weil die Erfahrung durch Versuch und Irrtum, das Lernen aus Fehlern, die „brüderliche Zurechtweisung“ durch Vertraute/Gleichgesinnte/Wertgeschätzte erst einen tiefgreifenden Lernprozess im Menschen auslösen. Über diesen Weg entwickeln sich erst individuelle Handlungskompetenzen.
Dementsprechend adressieren Kompetenzfragen nicht nur das fachliche Wissen (fachliche Kompetenz) sondern auch die Fähigkeit, dieses „Wissen“ in die „Tat“ umsetzen zu können (Methodenkompetenz). Auf der Grundlage eines fachlichen Wissens handeln zu können, bedeutet jedoch, dass ich zudem fähig und bereit bin, mit anderen zusammenzuarbeiten, mit andern zu kommunizieren (Soziale Kompetenz). Diese Kompetenzen reichen aber noch nicht aus, um eine Tätigkeit „handlungskompetent“ ausüben zu können, denn es bleibt noch die Frage offen: Von welchen Werten, Einstellungen und Überzeugungen lasse ich mich bei meinem Handeln leiten? – die Persönliche Kompetenz.
Sie ist eigentlich das Fundament aller übrigen Kompetenzen.Im Kern der Personalen Kompetenz liegt meiner Meinung nach das Selbstbewusstsein, wobei nicht nur Selbstsicherheit, sondern auch Selbstkenntnis, Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstheit gemeint sind. Menschenkenntnis, Intra- und interkulturelle Kompetenz und Empathie sind ebenfalls Teil der Personalen Kompetenz, liegen gleichzeitig aber auch an der Schnittstelle zur Sozialen Kompetenz.
Es kann beispielsweise jemand ein noch so guter Fachmann in einem Handlungsbereich sein, fehlt es ihm an einer starken Verinnerlichung von ethischen Grundwerten und Überzeugungen, wird er trotz seines fachlichen Expertentums nicht davor geschützt sein, in konkreten Situationen verantwortungslos oder unzuverlässig zu sein.
Durch die Berücksichtigung dieser 4 Kompetenzbereiche im Lernprozess wird ein ganzheitliches Lernen und die Entwicklung von arbeitsplatznahen Anforderungsprofilen möglich.
Wie können Mitarbeiter ihre Erfahrungen weitergeben, sich aktiv einbringen?
Ein wichtiger Aspekt dieses Konzeptes ist die Partizipation der Mitarbeiter. Deren Erfahrungen beim Ausführen der Arbeitsschritte sollen in die Pflege der Informationen einfließen. Diese Erfahrungen bilden die Basis der gesamten Arbeitsschrittinformationen. Um die Externalisierung dieser Informationen zu erleichtern, wird Mitarbeitern ein einfach zu bedienender Rückkanal geboten, in welchem sie formlos und schnell Anmerkungen zum aktuellen Arbeitsschritt machen können. Diese werden ggf. von Redakteuren aufgegriffen und weiterbearbeitet. Dadurch wird das Bewusstsein für die Wertschätzung von Wissensexternalisierung und Teamgeist gestärkt.
Auch können Mitarbeiter zu jeder Zeit kontextbezogen Fragen stellen oder Ansprechpartner identifizieren, um gemeinsame eine Herausforderung zu lösen.
Fragen und Nachfragen von Kollegen stehen nicht mehr als Synonym für Unwissenheit sondern als Interessenbekundung. Verbesserungsvorschläge werden als Unterstützung wahrgenommen und nicht als Zurechtweisung empfunden. Das Wissen der Mitarbeiter erfährt eine „sichtbare“ Wertschätzung
Wie profitiert der Ausbildungsbereich davon?
Mit diesem System sind interbetriebliche Ausbildungsbereiche erstmalig in der Lage ein selbst organisiertes Lernen anzubieten. Azubis nutzen das System zum aktiven Lernen am Objekt.
Über einen Bildschirm/Leinwand werden die Netzbilder für die einzelnen Arbeitsschritte, in denen alle für die Ausführung der Tätigkeit erforderlichen Informationen über Material, Bauteile, Werkzeuge, Drehmomente und besondere Arbeitshinweise enthalten sind, dargestellt. Der Ausbilder übernimmt bei der Schulung die Rolle des Coachs: Er erklärt und unterstützt die Fertigungs- oder Montageschritte, die in den Netzbildern dargestellt werden und gibt gleichzeitig die erforderlichen Hintergrundinformationen. Die Fertigung/Montage übernehmen die Mitarbeiter selbst.
Weitere Einsatzgebiete des Systems sind Schulungen zur Bedienung der Anlagen, Instandhaltung, Werkzeugwechsel, Rüsten, Montage und TPM.
Azubis sollen jedoch nicht nur in der Lernwerkstatt mit dem System arbeiten sondern den Facharbeiter bei der Dokumentation Ihrer Erfahrungen aktiv zur Seite stehen – Thema Digital Nativ. Sie erfassen in der Initialen Phase Erfahrungen mit der Digitalkamera (Foto, Video, Audio), stellen diese ins System ein und erklären den alten Hasen wie man mit den neuen Medien umgeht. Ganz nebenbei lernen sie so handlungsorientiert von den alten Hasen und knüpfen neue soziale Netzwerke.
Idee: Man könnte über Prodis auch ein überbetriebliches Ausbildungsnetzwerk initiieren. Betriebe würden gemeinsam fachbezogen eine Wissensbasis schaffen, Lerneinheiten entwickeln und Experten zur Verfügung stellen. Auzbis tauschen Ihre Erfahrungen und Herausforderungen darüber aus und finden gemeinsam mit Experten Antworten auf ihre Fragen. Betriebe könnten dadurch effizienter, qualitativ hochwertiger und kostengünstiger ausbilden. It’s a dream
Technologische Umsetzung
Aufbau einer semantischen Lern- und Wissensmanagement-Datenbank welche alle mit einem Arbeitsplatz verbundenen Informationen, Lerninhalte und Expertisen beinhaltet. Der Abruf erfolgt via stationärer oder mobiler Endgeräte (PC-Terminals, Netbooks, AR-Brillen(Zukunft)) . Die Erstellung und Pflege der Inhalte obliegt allen Mitarbeitern – dem Kollektiv. Ihnen werden am Arbeitsplatz geeignete Tools zur Erstellung und Pflege an die Hand gegeben.
Wir haben dem System den Arbeitstitel „Prodis – ProduktionsInformationsSystem“ gegeben, wir suchen noch nach einem passenden Namen - Vorschläge willkommen!
Hardware Endgeräte
Als Endgerät kann ein handelsüblicher PC( Terminal, Notebook, Netbook, AR-Brillen (Zukunft)..) genutzt werden. Abhängig der Umgebung Spezialsysteme z.B. für den Einsatz in Explosion gefährdenden Bereichen oder auch der Einsatz von Handys.
Die Eingabe kann mit der Maus, Berührung (Touchscreens), Tastendruck oder Befehl erfolgen. Alternativ dazu via Fusshebel, eignet sich beispielsweise zur Bedienung und zum Wechsel der Darstellung zum nächsten Arbeitsschritt (könnte durch eine Prozesssteuerung auch automatisch erfolgen!). Noch einfacher via Barcodes oder RFID-Tags, welche am Werkstück und Werkzeug angebracht sind – einfach vor den Scanner halten und …
Für das Erfassen von Erfahrungen kann eine normale Digital- und Videokamera mit USB Anschluss dienen. Über eine am Lern-Terminal angebrachte Kamera kann auch die automatische Erkennung des Werkstücks oder Werkzeugs erfolgen – dazu hält man das Objekt vor die Kamera und erhält gleich darauf alle wesentlichen Informationen, etwas kostenintensiver ![]()
Funktionale Bereiche:
Visualisierung Produktion
Visualisierung (2D oder 3D) aller mit der Produktion verbundenen Gebäude, Produktionslinien, Maschinen, Arbeitsinseln… zur einfachen Navigation, inkl. Lokalisierung der verschiedenen Arbeitsplätze und Mitarbeiter. Der Nutzer kann aus der Gebäudesicht bis hinab auf Maschinen und Komponenten zoomen. Zu jedem Objekt werden alle semantisch relevanten Inhatlen und Expertisen automatisch angezeigt.
Die einzelnen Arbeitsplätze können direkt angewählt werden, um dort sich über Tätigkeiten, erforderliche Kompetenzen und Neuigkeiten zu informieren. Parallel dazu erfolgt dort auch die Eingabe der gemachten Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge.
KontextMaps
Zu jeder Tätigkeit sind die einzelnen Arbeitsschritte als KontextMap (Netzbild) visualisiert und alle damit verbundenen Informationen wie Objekt und Tätigkeit Anzahl, Ablauf, Maschinen/Werkzeuge, Hinweise, Probleme, Tips und Tricks von Kollegen abrufbar. Dabei können alle Arten von Medien (Audio, Video, Photos..) zum Einsatz kommen. Die mühsame Suche in dicken Ordner entfällt.
In jeder Informationsebene können Mitarbeiter formlos und schnell Anmerkungen zu Tätigkeiten und einzelnen Arbeitsschritten abgeben. Diese Erfahrungen bilden die Basis der gesamten Arbeitsschrittinformationen.
Kompetenzfragen
Zu jeder Tätigkeit gehört ein ausgearbeiteter Fragenkatalog zu den 4 Kompetenzbereichen. Er kann während der Anzeige der Tätigkeit oder der dazugehörigen Arbeitsschritte aufgerufen werden. Zu jeder Frage/Antwort können Kommentare verfasst und eine Bewertung abgegeben werden.
Neuigkeiten
Aktuelle Informationen zu Änderungen (Produktion, Werkzeug, Material…) können in Form eines Newstickers über das PRODIS schnell an die betroffenen Bereiche gesandt werden. Auf jedem Rechner erscheint dann ein Pop-Up-Fenster mit der entsprechenden Meldung. Auf Wunsch kann der Autor dieser Neuigkeit festlegen ob eine News vom Mitarbeiter als gelesen bestätigt werden muss.
Verbesserungsvorschläge
Jeder Mitarbeiter hat in PRODIS die Möglichkeit, zu Arbeitsplätzen, Tätigkeiten, Arbeitsschritte… Verbesserungsvorschläge zu machen und eigene Ideen einzubringen. Mitarbeiter können somit aktiv bei der Pflege des Systems mitwirken und eine Form der Wertschätzung erfahren. Der Beitrag wird im System automatisch mit der gerade angezeigten Information verknüpft und wird ggf. von einer Redaktion validiert.
Alternativ war der Wunsch ggf. einen physikalischen Ort – Ideenraum – zur Verfügung zu stellen. Vorschlag: einer in der Produktionshalle und einer im Verwaltungstrakt. Beide stünden dann allen Mitarbeitern zur Verfügung und bieten eine kreative, einladende Atmosphäre: Ideenkarten, Kleine Anleitung für Kreativitätsmethoden, Flipchart, freie Getränke :-)….
Der Vorteil gegenüber dem klassischen KVP oder BVW mit Briefkasten und Zetteln: Ideenräume fördern die Entwicklung guter Einfälle im Team. Hier können sich Mitarbeitende spontan während der Arbeitszeit mit Kollegen zurückziehen, um Ideen gemeinsam zu entwickeln und weiterzudenken.
Lexikon
Im Lexikon kann der Mitarbeiter über eine Suchmaschine Hintergrundinformationen zu Bauteilen, Werkzeugen, Maschinen oder Fachbegriffen recherchieren. Zusätzlich zu Fließtexten besteht dort die Möglichkeit, Grafiken, Fotos, Präsentationen oder kurze Videosequenzen zu integrieren. Jeder kann an diesem Lexikon mitarbeiten und es sogar mit externen Quellen verlinken.
MyProdis
Im Bereich MyPRODIS kann der Mitarbeiter seinen Qualifizierungstand, geplante Qualifizierungen einsehen und ein Lerntagebuch führen.
Auf Basis der Kompetenzfragen kann der Mitarbeiter seinen Qualifizierungsstand überprüfen und den persönlichen Lernbedarf feststellen. Fragen zu den entsprechenden Kompetenzbereichen stehen für jeden Arbeitsplatz zur Verfügung und können im Anschluss mit einer Musterlösung verglichen werden.
Die Lernerfolgskontrolle für Auszubildende findet arbeitsprozessbegleitend mit Hilfe der Dokumentation der Qualifizierungsprojekte und in einem Fachgespräch statt. Die Zertifizierung erstreckt sich damit über die Lernleistungen des gesamten Ausbildungsganges.
Zukunft:
Störungsdiagnose mit Hilfe von Entscheidungsbäumen effizienter gestalten. In Summe geht es darum das Wissen des Kollektivs zu nutzen, um mit Hilfe eines Frage/Antwort Dialoges, zu einer Entscheidung zu gelangen – wie gesagt Zukunft
Soweit zum Konzept, jetzt geht es ans Rapid Prototyping.
3 Kommentare »


am 28. Januar 2010 um 17:41 1.Jörn Stock schrieb …
Hallo Herr Josten,
Super spannendes Thema und die ideen sind sicher Zukunftsweisend.
Gibt es zu diesem Thema auch schon ein konkretes Produkt?
am 11. März 2010 um 23:27 2.Ralph Scheurer-Lee schrieb …
Hallo Herr Josten,
super Ansätze und umfassend aufbereitet. Wir sind gerade dabei eine Lernplattform auf zu setzten. Auch wenn es nicht Produktion ist sehe ich viele Parallelen.
am 18. März 2010 um 22:03 3.Dieter Josten schrieb …
Hallo Herr Scheurer-Lee, Danke für das Lob. Ihr Projekt hört sich spannend an - wenn ich irgendwie einen Beitrag leisten kann, lassen Sie es mich wissen.
Viele Grüße
Dieter Josten